top of page

Schluss mit der Empörungskultur!

Symbolbild: Deutsche Diskussionskultur
Symbolbild: Deutsche Diskussionskultur

Vielleicht kennst du das: Jemand sagt etwas, das jemandem nicht sofort passt. Eine Bemerkung, eine Frage, ein Gedanke, der querliegt wie ein Stein im Schuh. Und noch bevor die Person prüft, ob es wirklich drückt oder ob sie einfach kurz anders auftreten müsste, ist sie da – die Empörung. Moralische Bewertung, klare Fronten, innerlich der Hammer: zack.


Was dann oft als Haltung daherkommt, ist in Wahrheit ein Reflex mit der Kraft eines starken Niesens. Empörung fühlt sich wach, klar und handlungsfähig an. Sie spart Zeit. Leider spart sie auch Denken. Denn wo Empörung einsetzt, hört Neugier meist auf. Statt erst einmal zu fragen, was eigentlich gemeint war, wird bewertet. Statt zuzuhören, wird einsortiert. Das Gespräch ist damit beendet, bevor es überhaupt richtig begonnen hat. Alle gehen innerlich vom Platz – manche sichtbar, andere sehr höflich und sehr still.

Solche Dynamiken begegnen mir immer wieder, besonders in engagierten, gut gemeinten Kontexten. Jemand möchte entlasten, klärt vorab eine organisatorische Frage, ohne Entscheidungen zu treffen oder Zuständigkeiten an sich zu ziehen. Die Absicht ist pragmatisch, freundlich, lösungsorientiert. Die Reaktion darauf ist jedoch keine Rückfrage, sondern eine moralische Zuschreibung. Begriffe wie „übergriffig“ oder „grenzüberschreitend“ fallen erstaunlich schnell. Es wird über die Person gesprochen, selten mit ihr. Weitere Meinungen werden eingeholt, Bedenken gesammelt, Sorgen formuliert. Am Ende bleibt häufig kein geklärter Sachverhalt zurück, sondern etwas viel Wirkmächtigeres: Rückzug.


Symbolbild: Reflexartige Empörung
Symbolbild: Reflexartige Empörung

Dieser Rückzug hat wenig mit mangelnder Einsicht zu tun. Er ist eine Schutzreaktion. Das Nervensystem meldet: Hier ist Vorsicht angesagt. Wer so reagiert, zieht sich leiser zurück, sagt seltener etwas, beteiligt sich weniger. Zugehörigkeit wird innerlich auf Abstand gestellt. Empörung ist dabei kein rein moralisches Phänomen. Sie ist neurobiologisch gut erklärbar. Empörung aktiviert das sympathische Nervensystem. Alarmbereitschaft geht hoch, der Körper schaltet auf Kampf oder Flucht. Denken wird enger, Sprache schärfer, Ambivalenz kaum erträglich. Das gilt für alle Beteiligten. Für diejenigen, die sich empören, ebenso wie für diejenigen, über die sich empört wird.

Kurzfristig wirkt Empörung entlastend. Du weißt sofort, wo du stehst - denkst du zumindest. Langfristig wirkt sie ermüdend. Dauerhafte Alarmzustände kosten Energie. Gespräche werden anstrengend, Teams vorsichtig, Familien meiden bestimmte Themen, Unternehmen wundern sich über innere Kündigung, und im Chor versteht keiner, warum die eine Sängerin fernbleibt. Der Körper macht irgendwann das, was Körper in Daueranspannung tun: Er meldet sich. Gnadenlos.


Dasselbe Muster zeigt sich auch im gesellschaftlichen Maßstab. Differenzierte Aussagen werden zu groben Karikaturen umgebaut. Komplexe Beobachtungen gelten plötzlich als Angriff. Dabei könnten mehrere Dinge gleichzeitig wahr sein. Systeme können Fehlanreize enthalten. Beides schließt sich nicht aus. Empörung hingegen verlangt Eindeutigkeit und Lagerbildung.


Buchempfehlung mit Link
Buchempfehlung mit Link

Vielleicht haben wir als Gesellschaft ein kleines Kulturtraining verlernt: wohlwollende Unterstellung. Gemeint ist damit keine naive Gutgläubigkeit, sondern die bewusste Entscheidung, dem Gegenüber zunächst eine konstruktive Absicht zuzutrauen. Erst verstehen, dann bewerten. Erst Beziehung, dann Moral. Denn es braucht dringend Ideen und Geprächsangebote und Lösungen! Das entlastet übrigens auch physiologisch. Ein Nervensystem, das kurz pausieren darf, bleibt gesprächsfähig. Ein Mensch, der sich innerlich sicher fühlt, kann zuhören und antworten, statt reflexhaft zu reagieren. Und wir können, bei all der Empörungskultur durch Mensch und Medien froh und dankbar sein, dass es noch ein paar wenige Idealisten gibt, die Unternehmen gründen oder sich tatsächlich freiwillig dem politischen Leben in der Öffentlichkeit widmen. Denn wir leben in einer Zeit, in der man sich ernsthaft darüber empört, dass sich eine Führungskraft mit einer extrem hohen Verantwortung in einer existenziellen Notsituation dafür entscheidet, durch eine sportliche Aktivität den Kopf frei zu bekommen und sich nicht einmal traut, das zu sagen! Denn besonders sportliche Aktivität ist das Beste, was man tun kann, um die Gedanken zu sortieren, und wenn dadurch die Notsituation womöglich schneller endet, was sie getan hat - aus welchen Gründen auch immer - gilt es zu applaudieren und sich nicht das Maul zu zerreißen. (Ja, auch hier: Raum für Empörung.) Und ich kenne persönlich auch keine einzige Person, die in ihrem Arbeitskontext nicht den Kollegen oder die eine Kollegin kennt, die mit 73 Krankentagen die Pflege ihres Gartens vorzieht und aus Gründen der Lohnfortzahlung das Team und das Unternehmen/die Behörde/die Schule im Stich lässt. Und es kennt auch jeder den einen Arzt, bei dem man sicher sein kann, selbst wenn man ohne Symptome vor ihm sitzt, erstmal eine Woche krankgeschrieben zu werden. (Ja, wer sich jetzt empören will, kann das gerne tun, es ändert nur nichts an der Tatsache. Und jetzt tut nicht so, als ob ihr nicht wisst, was ich meine!)


Empörung hat noch eine weitere, oft übersehene Funktion. Sie tut so, als wüsste man nicht, worum es eigentlich geht. Statt sich dem Kern eines Themas zu nähern, wird an der Oberfläche reagiert. Ein Wort, ein Tonfall, eine unglückliche Formulierung reichen aus, um die eigentliche Frage elegant zu umgehen. Empörung verschiebt den Fokus. Sie lenkt ab, ohne dass es wie Ausweichen aussieht. Das fühlt sich aktiv an, ist aber oft eine Vermeidung von Komplexität.


Der Ausweg aus der Empörungskultur liegt daher vermutlich weniger in besseren Argumenten als in besserer innerer Regulation. Ein Moment mehr Zeit. Ein Atemzug. Eine Nachfrage. Denken wieder zulassen, wo Empörung schneller wäre. Ja, manche Aussagen sind "unerquicklich", manche ungeschickt, manche schlicht falsch. Trotzdem lohnt es sich, den moralischen Vorschlaghammer kurz stehen zu lassen. Gespräche werden dadurch möglich, Beziehungen bleiben intakt, und das Nervensystem darf endlich wieder etwas tun, wofür es eigentlich gemacht ist: regulieren und verbinden.


"Was uns am Ende helfen wird zu überleben, sind Menschen. Wir müssen zusammenkommen, sehr demütig und ehrlich miteinander sprechen, damit wir menschlich bleiben und vielleicht etwas Neues aufbauen können." Ece Temelkuran, Schriftstellerin

Kommentare


Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Bitte den Website-Eigentümer für weitere Infos kontaktieren.

Copyright  2025 by cm

bottom of page